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I
Allen sonstigen Meinungen zum Trotz entsteht ein Gärtner weder aus Samen noch aus Schößlingen,
Zwiebeln, Knollen oder Ablegern,
er wächst einzig und allein durch Erfahrung, durch die Umgebung und durch Naturbedingungen.
II
Sobald der Mensch in der Blüte seiner Jugend steht, glaubt er, eine Blüte sei das, was man im Knopfloch trägt
oder seiner Angebetenen schenkt; ihm fehlt irgendwie das richtige Verhältnis dafür, dass eine Blüte das ist,
was überwintert,
geharkt und gedüngt, gegossen und umgepflanzt, beschnitten und gestutzt, angebunden und von Unkraut,
Keimlingen, vertrockneten Blättern, Blattläusen und Mehltau befreit werden muß.
Es ist eine gewisse Reife,
besser gesagt, ein gewisses väterliches Alter nötig, um Gartenfreund zu werden.
III
Überdies muß man einen eigenen Garten besitzen. Eines Tages pflanzt man mit eigenen Händen eine Blume
ein; mir geschah es mit einer Hauswurz. Dabei dringt durch einen Riß in der Haut oder sonstwie etwas
Erde in den Körper und verursacht eine Entzündung, eine Vergiftung.
Mit einem Wort, den Menschen hat das Gartenfieber gepackt. Der Löwe hat Blut geleckt!
IV
Ein andermal entsteht ein Gärtner durch Ansteckung von seiten der Nachbarn; er sieht zum Beispiel,
wie bei diesem die Pechnelke blüht, und er sagt sich: "Verdammt noch mal, warum sollte sie nicht auch bei mir blühen?
Das ginge mit dem Teufel zu, wenn sie bei mir nicht noch schöner gediehe!" - Und von nun an verfällt
der Gärtner mehr und mehr dieser neuen Leidenschaft, genährt durch weitere Erfolge, aufgestachelt durch
weitere Mißerfolge; ....
V
... es bricht bei ihm sogar die Sammlerwut aus, die ihn treibt, alles nach dem Alphabet, von der Abelia bis zum
Zygophyllum, zu pflanzen. Später stellt sich die Passion für spezielle Gattungen ein, die aus dem bis dahin
zurechnungsfähigen
Mann Rosennarren, einen Georginennarren oder einen ähnlichen verrückten Monomanen werden läßt.
Andere Gärtner wieder verfallen einer künstlerischen Leidenschaft und ändern, bauen und pflanzen ständig ihren Garten um, stellen
Farben zusammen, prüfen und wechseln Büsche da aus, wo gerade etwas wächst, gehetzt durch die sogenannte
schöpferische Unzufriedenheit.
VI
Jetzt verrate ich noch, wie man einen echten Gärtner erkennt. "Sie müssen mich einmal besuchen" sagt er,
"ich möchte ihnen meinen Garten zeigen!" Folgst du dieser Aufforderung, um ihm Freude zu bereiten, so findest du sein
Hinterteil irgendwo zwischen Stauden herausragen. "Ich komme gleich!" ruft er über die Schulter hinweg, "
ich pflanze nur das noch ein." Nach einer gewissen Zeit dürfte es soweit sein, denn er erhebt sich, streckt seine schmutzige Hand
zum Gruße hin und sagt freudestrahlend:
VII
"Nun kommen sie und sehen sie sich um, der Garten ist zwar klein, aber ... einen Augenblick" flüstert er und bückt
sich zu einem der Beete um ein paar Grashalme auszurupfen. "Treten sie nur näher, ich zeige Ihnen einen Dianthus
Musalae, da werden sie staunen. Herrgott, da habe ich wieder vergessen die Erde aufzulockern!" brummt er und
beginnt herumzustochern.
Nach etwa einer Viertelstunde richtet er sich wieder auf und meint: "Ach,
ich wollte ihnen doch die Glöckenblume, Campanula Wilsonii, zeigen, die schönste Glockenblume, die ....
warten Sie, ich muß das Delphinium anbinden!"
VIII
Sobald er das getan hat, erinnert er sich: "Richtig, sie wollten doch das Erodium noch sehen. Einen
Augenblick, ich will nur diese Aster umsetzen, sie hat hier zuwenig Platz." Worauf du auf Zehenspitzen
davonschleichst und das Hinterteil des Gärtners weiter zwischen perennierenden Pflanzen herausragen läßt.
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