Tagebuch

2008              

Winter

April

Mai

Juni

Juli

August

September

Oktober

November



Archiv

2007

2009

2010

2011

2012

 


Aus: Frederick von Leo Lionni
Rund um die Wiese herum, wo Kühe und Pferde grasten, stand eine alte Steinmauer.

In dieser Mauer - nahe bei Scheuer und Kornspeicher - wohnte eine Familie schwatzhafter Feldmäuse.

Aber die Bauern waren weggezogen, Scheuer und Kornspeicher standen lee. Und weil es bald Winter wurd, begannen die kleinen Feldmäuse Körner, Nüsse und Stroh zu sammeln. Alle Mäuse arbeiteten Tag und Nacht. Alle - bis auf Frederik.

"Frederik, warum arbeitest du nicht?" fragten sie. "Ich arbeite doch", sagte Frederik, "ich sammle Sonnenstrahlen für die kalten, dunklen Wintertage."

Und als sie Frederik so dasitzen sahen, wie er auf die Wiese starrte, sagten sie: "Und nun, Frederik, was machst du jetzt?" "Ich sammle Farben", sagte er nur, "denn der Winter ist grau."

Und einmal sah es so aus, als sei Frederik halb eingeschlafen. "Träumst du, Frederik?" fragten sie vorwurfsvoll. "Aber nein", sagte er, "ich sammle Wörter. Es gibt lange Wintertage - und dann wissen wir nicht mehr, worüber wir sprechen sollen."

Als nun der Winter kam und der erste Schnee fiel, zogen sich die fünf kleinen Feldmäuse in ihr Versteck zwischen den Steinen zurück.

In der ersten Zeit gab es noch viel zu essen, und die Mäuse erzählten sich Geschichten über singende Füchse und tanzende Katzen. Da war die Mäusefamilie ganz glücklich!

Aber nach und nach waren fast alle Nüsse und Beeren aufgeknabbert, das Stroh war alle, und an Körner konnten sie sich kaum noch erinnern. Es war auf einmal sehr kalt zwischen den Steinen der alten Mauer, und keiner wollte mehr sprechen.

Da fiel ihnen plötzlich ein, wie Frederik von Sonnenstrahlen, Farben und Wörtern gesprochen hatte. "Frederik!" riefen sie, "was machen d e i n e Vorräte?"

"Macht die Augen zu", sagte Frederik und klatterte auf einen großen Stein. "Jetzt schick ich euch die Sonnen- strahlen. Fühlt ihr schon, wie warm sie sind? Warm, schön und golden?" Und während Frederik so von der Sonne erzählte, wurde den viel Mäusen schon viel wärmer.

Ob das Frederiks Stimme gemacht hatte? Oder war es ein Zauber?

"Und wa sist mit den Farben, Frederik?" fragten sie aufgeregt. "Macht wieder eure Augen zu", sagte Frederik. Und als er von blauen Kornblumen und roten Mohnblumen im gelben Kornfeld und von grünen Blättern am Beerenbusch erzählte, da sahen sie die Farben so klar und deutlich vor sich, als wären sie aufgemalt in ihren kleinen Mäuseköpfen.

"Und die Wörter, Frederik?" Frederik räusperte sich, wartete einen Augenblick, und dann sprach er wie von einer Bühne herab:

"Wer streut die Schneeflocken? Wer schmilzt das Eis? Wer macht lautes Wetter? Wer macht es leis? Wer bringt den Glücksklee im Juni heran? Wer verdunklet den Tag? Wer zündet die Mondlampe an?

Vier kleine Feldmäuse wie du und ich wohnen im Himmel und denken an dich.

Die erste ist die Frühlingsmaus, die läßt den Regen lachen. Als Maler hat die Sommermaus die Blumen bunt zu machen. Die Herbstmaus schickt mit Nuß und Weizen schöne Grüße. Pantoffeln braucht die Wintermaus für ihre kalten Füße.

Frühling, Sommer, Herbst und Winter sind viel Jahreszeiten. Keine weniger und keine mehr. Vier verschiedene Fröhlichkeiten."

Als Frederik aufgehört hatte, klatschten alle und riefn: "Frederik, du bist ja ein Dichter!"

Frederik wurde rot, verbeugte sich und sagte bescheiden: "Ich weiß es - ihr lieben Mäusegesichter!"